
Wir freuen uns nun ein Interview mit einem Menschen präsentieren zu können, der eine seltene aber sehr schöne Religion repräsentiert, die Santeria. Wir danken Varuna Holzapfel herzlich dafür das sie sich die Zeit genommen hat die vielen Fragen zu beantworten!
Könntest du dich eventuell kurz vorstellen?
Ich wurde im Februar des Jahres 1968 geboren. Von Haus aus bin ich Diplom-Pädagogin. Ursprünglich wollte ich sogar mal Parapsychologie studieren (aufgrund von eigenen Erfahrungen) und hatte mich deshalb für einen Studienplatz in Psychologie beworben, den ich aber nicht bekam. Dann sagte man mir, dass man durch die Diplom-Pädagogik einen Quereinstieg in die Psychologie machen kann, daher hab ich dann angefangen Diplom-Pädagogik zu studieren. In der Zeit bemerkte ich aber auch, dass meine eigenen spirituellen Erfahrungen nicht 100% in das Raster der Parapsychologie hineinpassten und deshalb blieb ich dann einfach bei der Diplom-Pädagogik und machte darin meinen Studienabschluss ;-). Nach der Geburt meines Sohnes habe ich noch ein Psychotherapiestudium angefangen und abgeschlossen, um meine Kenntnisse in dem Bereich zu vertiefen. Ansonsten schreibe ich noch Bücher, programmiere an meinen Webseiten (www.varunaholzapfel.de und www.orishanetwork.de), organisiere und leite Übergangsriten (Wasserweihen, Einweihungen in den Kreis der Frauen, Hochzeiten, etc.) und arbeite zur Zeit an einem musikalischen Projekt.
Nebenbei bin ich selbstständig tätig im Bereich Stressmanagement und Stressabbau, wobei ich auch Reiki (bin Reiki-Meisterin/Lehrerin) einsetze.
Wie kamst du zur Naturreligion?
Ich habe schon seit meiner Kindheit Kontakt zur sogenannten Anderswelt und einigen ihrer Bewohnern, d.h. es war für mich immer klar, dass die Natur beseelt ist und an bestimmten Orten (wie z.B. Quellen) ganz bestimmte Wesen wohnen. Der Gedanke, dass es einen Gott geben soll, der einerseits als „liebender Vater“ dargestellt wird und andrerseits Menschen straft, die sich von ihm abwenden, erschien mir schon immer als grotesk. Wenn Liebe bedingungslos ist, wie kann ein Gott dann trotzdem Bedingungen daran knüpfen ?
Auch die Tatsache, dass ein männlicher Gott alleine die Elternstelle ausfüllen sollte empfand ich als unlogisch. Entweder musste „Gott“ als reines Geistwesen männlich und weiblich zugleich sein, oder aber es musste neben „Gott, dem Vater“ auch noch „Göttin, die Mutter“ geben.
Aus diesen und anderen Überlegungen, Erlebnissen und Beobachtungen heraus entwickelte sich mein eigener Glaube, den ich dann später bei den neu-heidnischen Religionen dargestellt fand.
2001 wurdest du zur Santeria-Priesterin geweiht - wie kam es dazu?
Irgendwann in meinem Leben kam ich an einen Punkt, an dem meine Geister der Meinung waren, dass es ein paar Dinge gäbe, die ich nur von Menschen erlernen könnte, die auf das Wissen einer überlieferten Tradition zurückgreifen in der die Arbeit mit Geistwesen zur täglichen Praxis gehörte. Da diese Tradition auch kompatibel mit meinem eigenen Glaubenssystem sein sollte und ich mich schon immer zu afro-basierten Traditionen hingezogen gefühlt habe, verwiesen sie mich in die Richtung der Orishas.
Auch von Seiten der Orishas bekam ich positive Signale (so erschien mir eine bestimmte Orisha im Traum und teilte mir einige Dinge mit). Als ich dann für eine bestimmte Zeremonie nach Kuba fuhr (Mano de Orunla – eine Zeremonie, bei der man u.a. seinen Kopforisha erfährt und eine Art „Lebensorakel“ bekommt) wurde mir durch das Orakel mitgeteilt, dass es meine Bestimmung sei, Priesterin zu sein. Sobald ich über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügte, flog ich erneut nach Kuba, um diese „Priesterinnenweihe“ (Kariocha – also Krönung des Kopforishas) durchführen zu lassen.
Könntest du in kurzen Stichworten den Werdegang einer Santeria-Priesterin schildern? Welche Voraussetzungen benötigt man dafür?
Bevor man Priesterin werden kann, muss man einem bestimmten Ilé (Haus/Tempel) angehören und dort eine spirituelle Mutter (Madrina) oder einen spirituellen Vater (Padrino) haben. Diese Aufnahme in ein Ilé wird durch die Ilekes-Zeremonie besiegelt, bei der einem die Ilekes (geweihte Glasperlenketten) durch Madrina oder Padrino überreicht werden. Außerdem benötigt man noch ein Set der Krieger/Guerreros, die man ebenfalls im Rahmen einer Zeremonie erhält und man muss auch wissen, welcher Orisha den eigenen Kopf regiert (also wes Geistes Kind man ist), denn dieser Orisha ist dann der, dessen Priesterin (oder Priester) man später ist.
Zu guter Letzt müssen die Orishas und die eigenen Ahnen der Priesterweihe zustimmen, dies wird durch Orakel oder Zeremonien ermittelt.
Wie hat diese Ausbildung Dein Leben verändert und wie bringst du den schamanischen Weg damit in Einklang?
Die Ausbildung selber ist etwas, was man nie zum Abschluss bringen kann. Mir wurden durch die Santeria in vielen Bereiche tiefere Einblicke vermittelt und bestimmte Fähigkeiten von mir wurden und werden gefördert, so dass meine Sensitivität mehr und mehr zunimmt. Natürlich kommt mir das auch bei meiner schamanischen Arbeit zu Gute.
Allerdings halte ich Santeria und meine schamanische Arbeit voneinander getrennt, so kommuniziere ich mit den Orisha hauptsächlich über das Orakel, kann allerdings nicht verhindern, dass ich sie auch direkt mit mir „reden höre“ oder sie sich in Träumen äußern, wobei ich dann aber diese Äußerungen durch das Orakel überprüfe.
In meiner schamanischen Arbeit ist der Umgang mit den Geister wesentlich direkter, d.h. ich benutze für den Kontakt kein Orakelsystem, sondern „rede“ direkt mit ihnen oder begebe mich nach „Geisteranien“, wenn ich etwas Spezielles suche.
Ich arbeite also abwechselnd in zwei Traditionen, die gleichberechtigt neben einander stehen. Es ist in etwa so, als würde man umziehen. In der alten Stadt hatte man einen bestimmten Freundeskreis und in der neuen Stadt baut man sich auch einen Freundeskreis auf. Nun macht man irgendwann mal eine Party und stellt die alten und neuen Freunde einander vor. Ein paar von Ihnen kommen gut miteinander klar und haben auch direkt Gesprächsstoff, andere können gar nicht miteinander oder haben sich einfach nichts zu sagen. So ähnlich ist es auch mit den Geistern. Die, mit denen ich bereits vor der Santeria zusammen gearbeitet habe, sind weiterhin um mich und ich arbeite mit ihnen auf meine gewohnte Art und Weise. Die Orishas sind neu hinzugekommen und ich arbeite mit ihnen auf die traditionell überlieferte Weise. Die Schnittstelle zwischen beiden „Geistergruppen“ sind die Ahnen (menschliche Geister), die in der Santeria unter dem Begriff Egun zusammen gefasst werden.
Wie lässt sich Santeria im alltäglichen Leben integrieren? Wie reagierten/reagieren deine Mitmenschen (vor allem hier in Deutschland) darauf?
Santeria lässt sich genauso im alltäglichen Leben integrieren, wie jede andere Religion auch. Wenn mir die Orishas dazu raten für eine bestimmte Zeit bestimmte Dinge oder Situationen zu vermeiden, dann werde ich das tun und es fällt niemandem auf. Wenn ich bestimmte Dinge an bestimmte Orte zu bringen soll, dann kann ich auch dies so gestalten, dass es niemandem auffällt, insofern habe ich keine Probleme damit, die Santeria in mein alltägliches Leben zu integrieren. Ansonsten finden die meisten Zeremonien in meinem Ilé (Haus/Tempel) statt und dort bekommen auch nur die Leute zutritt, die ich einlasse.
Meine Mitmenschen wissen in der Regel gar nicht, dass ich Santeria-Priesterin bin. Meine Freunde und engsten Bekannten sind alle selber naturreligiös und haben insofern auch kein Problem mit mir, viele davon interessieren sich ebenfalls für die Santeria. Meine Familie weiß, dass ich Santeria-Priesterin bin, auch dort gibt es keine Probleme, schließlich wussten sie ja auch schon länger, dass ich heidnisch bin. Der einzige Zeitraum, in der es gehäuft zu merkwürdigen Reaktionen meiner Umwelt kam, war übrigens mein Iyawojaré, das ist der Zeitraum (1 Jahr und eine Woche), in dem man ganz in weiß gekleidet ist. Seltsamerweise scheint es für bestimmte Menschen immer noch naheliegender sein, über Dinge, die man nicht versteht, zu lästern oder sich lustig zu machen, als einfach mal nachzufragen, warum jemand dieses oder jenes so und nicht anders tut.
Möchtest du kurz die Grundzüge dieses Glaubens erläutern?
Ganz kurz ? Ich wird’s versuchen J. Das Universum ist durchdrungen von einer spirituellen Kraft, die Aché genannte wird. Quelle dieser Kraft ist Olodumare. Die Orishas genauso wie alles andere entspringen dieser Quelle und dienen als Vermittler zwischen Olodumare und den Menschen, wobei die direkte „Schaltstelle“ zwischen Mensch und Orisha die Egun (die Ahnen) sind. Ansonsten lässt sich dieser Glaube nicht wirklich kurz „erklären“, man muss ihn erleben.
Worin besteht der Unterschied zwischen Voodoo und Santeria?
Das ist keine Frage, die ich mal eben so beantworten kann. Das ist ähnlich wie bei der Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Christentum, Islam und Judentum.
Es gibt viele Ähnlichkeiten, da beides afro-basierte Traditionen sind aber eben auch viele Dinge, die unterschiedlich sind, weil die Haupteinflüsse beider Traditionen von verschiedenen Ethnien ausgehen. Ich beziehe mich mit der Antwort jetzt auf den Voodoo Haitis, allerdings gibt es auch in Westafrika (Benin) eine Voodoo-Tradition, die wiederum anders organisiert ist und mit anderen Wesenheiten arbeitet und bei der eben die Einflüsse, die in den afro-basierten Traditionen der neuen Welt durch die Folgen der Sklaverei mit eingeflossen sind, nicht vorhanden sind.
Mit welchen Kräften/Energien/Wesenheiten/Göttern arbeitet eine Santeria-Priesterin?
Hauptsächlich arbeitet eine Santera mit den Orishas und den Egun (den Ahnen). Die Orishas und die Egun werden bei bestimmten Problemen um Hilfe gebeten und dann teilen sie sich durch das Orakel oder durch Besessenheitstrance mit, geben Ratschläge und Hilfestellungen oder unterstützen spirituelle Handlungen. Man kann natürlich auch die Kraft der Orishas bei magischen Arbeiten mit einbeziehen.
Was sind eigentlich Orishas?
Zum einen sind Orishas vergöttlichte Ahnen, zum anderen sind es die Energien der Naturkräfte, die eigentlich streng genommen Irunmole heißen müssten. Orisha heißt „erwählter Kopf“ (oder, um es auf unsere Begrifflichkeiten zu übertragen ein „großer Geist“).
Gibt es viele Santeria-Anhänger in Deutschland, oder beschränkt sich diese Religion eher auf den kubanischen Bereich? Gibt es Zahlen dazu?
In einer ethnologischen Studie von Lioba Rossbach de Olmos von 2003 wird die Zahl auf 3000 bis 5000 Anhänger in Deutschland geschätzt, wobei sich diese aus Deutschen und eingewanderten Kubanern zusammensetzen. Die Zahl der deutschen Santeria-AnhängerInnen steigt.
Welche Ausrichtungen gibt es in der Santeria und gibt es eine Hierarchie (auch in Bezug auf Priester)?
In der Santeria gibt es streng genommen nur Aleyos (Uneingeweihte, also alle Menschen, die keine Santeria-PriesterInnen sind) und Olorishas (Santeros/Santeras – also eingeweihte PriesterInnen). Wenn einE Olorisha eine andere Person zum Priester/ zur Priesterin geweiht hat, dann wird sie auch als Iyalosha (Mutter eines Orishas) oder Babalosha (Vater eines Orishas) bezeichnet. Eine weitere Einweihung, die eine Priesterin/ein Priester erhalten kann ist das Pinaldo (das Messer). Mit dieser Einweihung erhält sie/er die Berechtigung zum Töten der vierbeinigen Opfertiere. Dann gibt es noch den Rang des Oriate, der so etwas wie ein Zeremonienmeister ist und z.B. das Ritual der Priesterweihe anleitet und überwacht und den Italero, der ein Meister des Kauri-Orakels (Diloggun) ist.
Außer diesen „Rängen“ bzw. Spezialisierungen gibt es noch die Trommler, die die sakralen Trommeln spielen. Um diese spielen zu dürfen, müssen sie eine Zeremonie durchlaufen, die sie zum Omo Aña macht. Ein Omo Aña hat aber in der Regel keine Priesterweihe, d.h. er ist streng genommen auch ein Aleyo.
Mit welchen Trancetechniken arbeitest du? Welche davon stammen aus Santeria?
Ich arbeite mit verschiedenen Techniken, um in Trance zu kommen. Je nach Gelegenheit und Anlass kann es ein einfaches „Hinübergleiten“ sein, was ohne irgendwelche Hilfsmittel auskommt und was ich schon seit meiner Kindheit praktiziere. Später kam dann noch die Methode durch das Trommeln oder Rasseln hinzu, wobei mein Körper dann meistens beginnt, vor- und zurückzuschaukeln.
Durch die Santeria habe ich auch den Tanz als Trancetechnik kennen gelernt. Allerdings ist es schon etwas anderes, eine CD abzuspielen und sich dazu in Trance zu tanzen oder mit Hilfe von leibhaftigen Trommlern innerhalb einer Zeremonie in Trance zu geraten, wobei die Trommler genau wissen, wie sie eine Trance durch bestimmte Rhythmen verstärken, bzw. einen bestimmten Orisha in das Medium „hineintrommeln“ können.
Welche Rolle spielt die Ahnenverehrung in diesem Glauben?
Eine sehr große. Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Wenn wir groß sind, dann deshalb, weil wir auf den Schultern unserer Ahnen stehen.“ Es ist zum einen das von ihnen durch Erfahrung gewonnene Wissen dieser Ahnen, welches in einer Tradition weitergegeben wird und es ist ihre spirituelle Kraft, die in den Nachfahren weiterlebt. Die Ahnen sind unser „Ansprechpartner“ in der Geisterwelt und sie nehmen von dort aus weiterhin an dem Leben ihrer Nachkommen teil, erteilen Ratschläge und warnen vor Gefahren. Im Gegenzug dafür versorgen die Lebenden sie mit Energie in Form von Speisen, Getränken, Gebeten, Liedern und anderem. Jede gewachsene Tradition kennt die Ahnenverehrung, denn ohne diese Ahnen gäbe es keine Tradition.
Welcher Orakeltechniken kann sich ein Santeria-Priester bedienen?
Ein Santeria-Priester (eine Priesterin) arbeitet hauptsächlich mit dem Obi-Orakel (Kokosorakel) und mit dem Diloggun (Kauris). Das Obi-Orakel gibt Antwort auf einfache „ja-nein-Fragen“, das Diloggun ist an die Odun der Ifa-Überlieferung angelehnt und gibt konkrete Aussichten auf Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Anders als z.B. bei der Technik des Tarot gibt das Diloggun nicht nur eine Analyse, sondern zeigt auch auf, was genau zu tun ist, um positive Kräfte zu bestärken oder negative Kräfte abzuschwächen. Das Obi-Orakel kann auch von Nicht-Eingeweihten genutzt werden (z.B. zur Befragung der Ahnen), allerdings ist es ratsam sich die Handhabung von einem erfahrenen Priester oder einer Priesterin zeigen zu lassen, denn es kommt hierbei sehr darauf an, wie man eine Frage formuliert.
Wenn man z.B. mit Hilfe des Obi die Ahnen bei einer Entscheidung zum Unterzeichnen eines wichtigen Vertrages befragt und man stellt einfach die Frage: „Kann ich den Vertrag unterzeichnen ? „ wird die Antwort darauf wohl „ja“ antworten, wenn man in der Lage ist, seinen Namen zu schreiben. Besser wäre also die Frage: „Ist es für mein Vorwärtskommen richtig, wenn ich diesen Vertrag unterzeichne ?“ Allerdings kann es natürlich auch sein, dass man u.U. eine wichtige Lektion zu lernen hat, die sich aus der Unterzeichnung dieses Vertrages ergibt und diese Lektion erfordert es möglicherweise, dass man in unangenehme Situationen gerät. Da wäre also die Frage in folgender Form besser: „Wird es eine positive Veränderung meiner jetzigen Situation geben, wenn ich den Vertrag unterschreibe ?“
In deinem Buch "Santeria - der Vodoo der Kubaner" beschreibst du die Orakeltechnik mit den Kauris - welche Bedeutung hat die Kauri-Muschel generell?
In der Santeria wird die Kauri-Muschel zum einen für das Orakel benutzt, zum anderen auch als Opfergabe oder als Schmuck an zeremoniellen Gewändern, wo sie eben auch Reichtum symbolisiert, denn die Kauri-Muschel war das alte Zahlungsmittel im Mutterland der Religion.
Welche Rolle spielt Magie in der Santeria? Welche Ausprägungen finden sich?
Das hängt stark von entsprechenden Santero bzw. der entsprechenden Santera ab. Manche Santeros führen viele magische Arbeiten durch, andere eher weniger oder gar keine. Schutzzauber, Wunschzauber, Geldzauber, „Liebeszauber“, etc. gibt es da ebenso wie Schadzauber.
Werden in der Santeria Festtage im Sinne unserer Jahreskreisfeste gefeiert?
In der Santeria haben die einzelnen Orishas ihre Feiertage, die sich ursprünglich aus dem Namenstag des entsprechenden Heiligen ergaben. Heutzutage gibt es aber in vielen Ilés (Häusern/Tempeln) Bestrebungen, die christliche Tarnung abzulegen da die Religion sich eben nicht mehr verstecken muss, so dass diese Feiertage in einzelnen Ilés voneinander abweichen können. Ansonsten gibt es keine bestimmten Daten für das Ausrichten eines Tambors, dies ist ein Fest zu Ehren eines bestimmten Orishas (meistens handelt es sich dann um den Orisha der Person, die das Fest ausrichtet). Bei so einem Fest wird ein Altar zu Ehren des entsprechenden Orishas errichtet, und es wird getrommelt, gesungen und getanzt. Durch die heiligen Trommeln werden die Orishas ebenfalls zu diesem Fest eingeladen und sie nehmen dann in der Trance von ihren Medien (den Priesterinnen und Priestern) Besitz und mischen sich unter die Menschen. So ein Tambor ist eine halb-offene Veranstaltung, d.h. das Fest findet im Ilé (Haus) eines Priesters/ einer Priesterin statt, aber jeder Mensch, der draußen vorbei kommt, darf eintreten und zusehen während das Fest im Gang ist, vor den Trommlern vorbeigehen oder gar tanzen darf er allerdings nicht, es sei denn er ist eingeweihter Priester bzw. Priesterin.
Wie gut lässt sich die europäische Naturreligion mit dem Santeria-Glauben verbinden?
Ich habe persönlich damit keine Probleme da sich viele Erfahrungen, die ich mit den hiesigen Geistern und Göttern gemacht habe, mit dem decken was ich durch die Santeria gelernt und erfahren habe. Allerdings würde ich während eines Jahreskreisfestes jetzt nicht die Orishas einladen, genauso wenig, wie ich bei einem Santeria-Gebet Freyja oder Wotan anrufen würde.
Ich halte die beiden spirituellen Richtungen getrennt. Es ist wie in der Musik, man kann klassische Opern singen und auch in der Rockmusik tätig sein, aber es klingt nicht wirklich gut, wenn man mit einer Rockstimme und hartem Gitarrensound Verdis Aida vertonen würde J
Du bist eine Santeria-Priesterin, wie lebt eigentlich die Santeria-"Gemeinde" diesen Glauben? Was denkst du, in wie weit wäre es einem "normalen", naturreligösen, europäischen/deutschen Menschen möglich Aspekte davon zu übernehmen?
Zum ersten Teil der Frage denke ich, dass es auch hier wieder sehr stark auf den einzelnen ankommt und auch darauf, welch ein Verhältnis man zu seiner Madrina/ seinem Padrino hat (eine Madrina ist die spirituelle Mutter, der Padrino ist der spirituelle Vater eines „Gemeindemitgliedes“). Es gibt Aleyos (Uneingeweihte), die einer Gemeinde angehören und auch ihren eigenen Hauptorisha kennen (durch ein Orakel erfahren haben). Diese werden sich bei bestimmten Problemen mit Gebeten oder Bitten an diesen Orisha wenden oder auch an ihre Ahnen. Einige benutzen zum Kontakt mit den Ahnen auch das Obi-Orakel.
Einen Aspekt, den hiesige naturreligiöse Menschen meiner Meinung nach auf jeden Fall übernehmen sollten, ist die Ahnenverehrung. Die Ahnen sind der Dreh- und Angelpunkt des Kontaktes in die Geisterwelt. Sie stehen uns am nächsten, da wir zumindest einen Teil von ihnen noch zu ihren Lebzeiten gekannt haben und uns ihre „Energiesignatur“ bekannt ist, so dass wir sie am besten erkennen können, wenn sie sich uns nähern oder wir Kontakt mit der anderen Welt aufnehmen. Es sind die Ahnen, die uns auch vor dem Einfluss der negativen Geister schützen können. Je weiter man sich auf das Gebiet der spirituellen Arbeit vorwagt, desto wichtiger ist ein guter Kontakt zu seinen Ahnen und Schutzgeistern. Auch unsere vorchristlichen europäischen Vorfahren verehrten die Ahnen als Träger und Überlieferer der Kultur und Tradition, insofern kann uns ein bessere Kontakt zu unseren Ahnen auch den europäischen vorchristlich-spirituellen Wurzeln wieder näher bringen.
Welche wichtigen bzw. heiligen Symbole und/oder Gegenstände werden in die Santeria verehrt?
Keine. Verehrt werden geistige Kräfte, keine Gegenstände. Auch ein europäischer Neu-Heide verehrt keine Kelche, Pentagramme, Steine, Bäume oder Statuen, sondern die göttliche Kraft, die hinter diesen Symbolen steckt oder in den Bäumen oder Statuen „wohnt“. Allerdings haben christlich geprägte Santeros oder Santeras oft Heiligenfiguren auf ihren Altären stehen. Die Santeria verlangt nämlich nicht, dass man ausschließlich dem Glauben der Santeria anhängen muss/soll, man darf gerne auch Mitglied von anderen Religionen sein, wenn man das für sich selber mit der Santeria vereinbaren kann.
Aus dem Voodoo kennt man die sog. "Glaskerzen", die man teilweise auch im Handel kaufen kann, gibt es etwas ähnliches auch für die Santeria? Benutz du sie? Handelt es sich dabei um ein notwendiges Equipment oder eher um Kommerz?
Ich benutze diese Kerzen nicht. Auch auf Kuba habe ich in meinem Herkunfts-Ilé niemanden diese Kerzen benutzen sehen, dort werden normale weiße Haushaltskerzen bei Ritualen eingesetzt, die auch jederzeit verfügbar sind. Auch Orisha-Sprays oder –Öle finden dort keine Verwendung. Ich persönlich halte diese Dinge, wie man sie in Esoterik-Shops zu kaufen bekommt für reine Geldmacherei. Ich habe auch schon angeblich geweihte Ilekes (Glasperlenketten) bei einem Großhändler entdeckt und musste bei der Vorstellung, wie dort in einer Fabrik tausende von Santeras und Santeros am Fließband sitzen und diese Ketten weihen, laut lachen. Diese Ketten sind in etwa so authentisch und geweiht, wie es diverse Gold-, Silber-, Kupfer- oder Zink-Anhängerchen oder Hexen-Ritualkästchen aus dem Esoterik-Shop sind, die ebenfalls in Masse produziert und verkauft werden.
Was wünscht du dir für deine Zukunft? Wohin soll der Weg dich aller Voraussicht nach führen?
Ich gehe den Weg, der meiner Bestimmung folgt. Die Wegweiser sind in mir, genau wie der Weg, ich muss lediglich auf meine Intuition hören und auf die Ratschläge meiner Geister und Orishas. Insofern ist mein einziger Wunsch für meine Zukunft der, dass mich meine Geister weiterhin gut auf meinen Weg begleiten.
Wir danken für dieses Interview.