Buchvorstellung und Rezension

Der Umschlag zeigt ein Bild Algols, das geöffnete Sternenauge, Auge der Medusa, deren Haupt Schlangen statt Haare zieren – und die lebendige Ekstase des Lebens.
Schon beim Lesen der ersten Seiten wird klar, dass sich das Liber ALgol in seinen Ausführungen deutlich von anderen magischen Werken unterscheidet. Es werden hier nicht die allseits bekannten magischen Übungen, Grundsätze und Praktiken aus jeweiliger Sicht und in welcher Variation auch immer erläutert. Statt dessen geht es tatsächlich ans Eingemachte. Weltbilder, Normen, Dogmen, Moral, Meinungen, Tatsachen werden hinterfragt, auf den Kopf gestellt und gnadenlos aus dem Weg geräumt, bevor es an die menschliche Struktur und vermeintliche Substanz selbst geht, um schließlich doch zur magischen Praxis überzugehen, allerdings einer Praxis anderen Kalibers, als sie üblicherweise veröffentlicht wird, denn sie baut auf stabilem Fundament und ist dennoch kein starres Gebäude, das vom kleinsten Beben zum Einstürzen gebracht wird.
Kurt Krause führt zunächst in hintergründige, bis dahin unveröffentlichte Mysterien des Liber Al und seiner Entstehung ein, wobei er dem Leser verschiedene Schlüssel in die Hand legt, das Liber Al und Crowley auf tiefere Art zu verstehen und schließlich für die erfolgreiche Arbeit an und mit sich selbst. Wobei immer deutlich ist – die Schlüssel benutzen und durch die entsprechenden Tore schreiten muss der Leser selbst. Oder wie Kurt Krause es sinngemäß ausdrückt:

Verwechsle nicht die Worte, aus denen das Buch zusammengesetzt ist mit dem, was sie bezeichnen und die Landkarte nicht mit der Landschaft, durch die Du gehen musst, um dem Ziel näher zu kommen.

Nachdem anhand des Liber Al den Begriffen Wahrheit und Unbewusstes der Schleier gelüftet wird, kommt der Fixstern Algol zu Wort, dessen Eigenschaften ebenfalls in der vorliegenden Ausgabe des Schlangentanz kurz erläutert wurden. Das Liber ALgol hinterfragt nun die Dämonisierung Algols – wieder werden Schleier gelüftet, die die menschliche Sicht trüben, die den Menschen von sich selbst, seinem Ursprung und dem Leben an sich entfremden. Die Kulissen der Bühne des menschlichen Lebens werden entfernt, um schließlich die poröse Bühne selbst einstürzen zu sehen, die als künstliche Plattform unser gewohntes Leben vom Lebensquell trennt. Nun erst wird es nach üblicher Auffassung magisch, und an dieser Stelle erst kann ein geläufiges magisches System herangezogen werden, denn die Magie ist Teil des Urquells der Schöpfung, an den der Leser erst durch all das Gerümpel, das Weg und Sicht versperrt, herangeführt werden muss. Die kabbalistischen Züge Algols werden erläutert und in Bezug zum Liber Al gesetzt – erstaunliche Entdeckungen darf der Leser nun machen, wie sie hervorragend auch in der vorstehenden Grafik des Algol-Artikels und in Spell veranschaulicht werden.


Erstmals taucht an dieser Stelle auch der Begriff Pakt auf, der später im Buch eine weitere Rolle spielt, und anhand Crowleys Leben wird das Wesen Algols nochmals deutlich sowie die Bedeutung des menschlichen Willens und Charakters für magische Arbeiten, die bei ungenügenden Voraussetzungen den Magier unweigerlich und ohne Wenn und Aber zerstören.


Diesbezüglich weicht der Autor krass von den üblichen magischen Grundübungen ab, in denen Willensschulung, Gedanken- und Gefühlskontrolle als Grundpfeiler eines gefestigten Charakters und des erfolgreichen Magiers gelten. Im Gegensatz dazu misst er dem gelebten Gefühl die größte Bedeutung bei. Doch es wird deutlich, dass auch hier Wortkulissen und Denkschablonen unterschiedlichster Art und Ursprungs den Zugang zum eigenen Fühlen – und damit zum Leben an sich und der Magie – versperren und statt aus dem Morast heraus nur tiefer hinein führen, so sie nicht entlarvt und vernichtet werden. Anhand praktischer Übungen kann der Leser nun den magischen Weg betreten, wobei das Hauptaugenmerk der Vernichtung restlos aller Illusionen und allen Selbstbetrugs gilt, die zu einem entfremdeten Ich-Empfinden und damit zu einem falschen Selbst führen, und damit nicht genug, diese gnadenlos stärken. Die Übungen führen zum Kern des Wollens statt einen verfälschten, aufgebauschten Willen zu schulen, zum wahren Fühlen statt falsche, nur als solche empfundenen Gefühle (man könnte es auch Herumgefühle nennen) zu nähren, zum wahren Selbst statt ein wichtigtuerisches, von Dogmen und falscher Moral geprägtes Ego zu stärken, zum wahren Leben im Jetzt statt dem Verlieren in illusorischer Weisheit, zu erfüllter Gedankenleere statt auf Scheuklappen beruhender Konzentration. So gerüstet, wird der Leser an sogenannte höhere Mächte herangeführt: die religiös verteufelten Dämonen und Fürsten der Finsternis Satan, Luzifer, Belial und Leviathan, von denen er nun weiß, dass er in deren Reich nur eintreten kann, wenn er sich zuvor von allen Falschheiten befreit hat. Nachdem das Buch durch Algol und das Liber Al eröffnet wurde, tun sich nun die Pforten zur Hölle auf – zur Magick Algols – den Weg ebnen zahlreiche Übungen und Praxisbeispiele aus dem langjährigen Erfahrungsschatz des Autors als Lehrer und Begleiter auf dem magischen Weg.


Pforten zur Hölle? Wer bis dahin noch immer an Fegefeuer denkt und als solche empfundene negative Assoziationen hat, sollte das Buch spätestens an dieser Stelle zur Seite legen, denn genau dort hin wird ihn dann sein Weg führen ... in sein eigenes inneres Fegefeuer. Wer sich dem Quell des Lebens ein wenig genähert hat und sich von der aufgesetzten Schablone seines polarisierten Schubladendenkens, -fühlens, -wollens und -handelns befreit hat, oder zumindest bis hierhin folgen konnte, dem werden schließlich die - bezeichne sie jeder wie er sie möchte – Wesenheiten Belial, Astaroth, Buer und Ipos vorgestellt, illustriert von Michela Megna nach Angaben von Kurt Krause, wie sie sich üblicherweise zeigen. Anhand von weiteren Praxisbeispielen macht der Leser Bekanntschaft mit dem Wesen und der Bedeutung von Pakten. Wieder wird ein Stück mehr die allseits aufgezwungene Fremdbestimmung des Menschen deutlich, der erst die herrschenden, Sicherheit und Freiheit vorgaukelnden Strukturen durchbrechen und das Mensch-Sein wieder erlernen muss, will er sich dem wirklichen, unverfälschten und schöpferischen Leben und seiner selbst nähern. Erst wenn dieser Schritt getan ist, ist er frei und in der Lage, Wesenheiten wie sie vorgestellt wurden gegenüberzutreten und klare Vereinbarungen zu treffen, die immer auf einem Geben und Nehmen beruhen. Dieses, sowie die Konsequenzen im anderen Fall werden anhand der abgedruckten Erfahrungsberichte deutlich. Ebenso wirft es Licht auf das Wesen der „Dämonen“, und weshalb sie auf den Zeichnungen im Buch solch menschlich anmutende Züge aufweisen.


Die Einleitung für die abschließenden Übungen des Buches erfolgt erneut durch Algol, der zerstört, weil er Illusionen vernichtet, die den Blick (Auge der Medusa) auf das bis dahin unaussprechliche, in der Dunkelheit verhüllte Wesen des Seins versperren. So zielen die folgenden Willensübungen nicht darauf ab, ein beliebiges, Willen genanntes Phänomen zu stärken, sondern darauf, jeglichen falschen Willen zu erkennen und abzulegen. Die Willensschulung offenbart sich als Schulung der Wahrnehmung in jeglicher Hinsicht, um – gemäß dem Wesen Algols – immer mehr von dem zu zerstören, was den Blick auf den wahren Willen trübt und verfälscht, indem es sich scheinbar selbst als solcher hervortut. Wie viele solcher Wichtigtuer mag der Leser bei sich entdecken? Und wieviele noch?


Fazit – das Liber ALgol erweist sich als geeigneter Begleiter für all jene, die den magischen Pfad wirklich und mit allen Konsequenzen betreten möchten oder sich bereits darauf befinden und das Gefühl haben, mittels der althergebrachten, immer wieder abgeschriebenen und leicht abgewandelten Übungen stehen zu bleiben, sich im Kreis zu drehen, in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Unverblümt wirft der Autor Licht auf Wege, Hintergründe, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten und gibt so Anregungen, wie vorgegangen werden kann, unterstützt von Zeichnungen der Künstlerin Michela Megna. Konkrete Anleitungen àla Kochrezept wird der Leser vergeblich suchen – das Liber ALgol führt nicht in starre und tote Strukturen, die den Menschen einengen und zur Marionette verdammen, sondern zu Veränderung aus sich selbst heraus und damit ins pure, freie Leben."

(c) Yara 2006


Liber ALgol
Autoren: Kurt Krause & Michela Megna
128 Seiten, 12,90 Euro (incl. MwSt., zzgl Versandkosten)
Das Buch ist im Okkultshop des Schleierweltenverlags

Hier der Link zum Shop : Schleierwelten Verlag

erhältlich und innerhalb 24 Stunden lieferbar.