Das Einhorn

„Das Einhorn lebte in einem Fliederwald, und es lebte ganz allein. Es war sehr alt, ohne etwas davon zu wissen, und es hatte nicht mehr die flüchtige Farbe von Meerschaum, sondern eher die von Schnee in einer mondhellen Nacht. Seine Augen aber waren frisch und klar, und noch immer bewegte es sich wie ein Schatten über dem Meer...“

So beginnt Peter S. Beagles hervorragendes Buch „Das letzte Einhorn“. Die meisten werden das Buch selbst nicht kennen, dafür aber den wunderschönen Zeichentrickfilm, der alljährlich an Weihnachten, in den Wohnzimmern vieler Haushalte, über den Bildschirm flimmert.
Der Autor erzählt das Abenteuer eines Fabeltieres – eines Fabeltieres, dessen Bekanntheitsgrad vermutlich auf der selben Stufe wie der des Drache ist.

Geschichten und Bilder von Einhörnern finden sich in vielen Kulturen, manche exotischer als andere. Neben den berühmten Darstellungen auf Gobelins, die das weit verbreitete Bild des schneeweißen Einhorns mit dem muschelartig in sich selbst verdrehten Horn zeigen (eine Darstellung, die sich in den Fantasyfilmen wieder finden läßt), gibt es auch welche aus dem asiatischen Raum. Die dort gezeigten Einhörner würden von den meisten Europäern vermutlich nicht einmal als solche erkannt werden.

Während in Europa das Einhorn ein Sinnbild der Reinheit, Wildheit und des Frühlings ist, steht das japanische Kirin für Gerechtigkeit. Man sagt das es hin und wieder bei Gerichtssitzungen aufgetaucht sei um Schuldigen zu töten und Unschuldige zu befreien. Das chinesiche Einhorn, K’i-lin genannt, war ein Bote des Glücks und ein Göttertier, das ebenso wie der Phönix seine Heimat zwischen den Wolken bei den Unsterblichen hatte.
Auch in Persien lassen sich Bilder von Einhörnern finden. Dort heißen sie Karkadann und sehen aus wie eine wilde Mischung von Wolf und Säbelzahntiger, sie besitzen ein schwarzes nach hinten gebogenes Horn und waren sehr gefürchtet. In Persien gab es auch noch andere Einhörner, wie das Shadhahvar und das Mi’raj, und wenn diese auch harmlos aussahen galten sie doch als gefährlich und waren ebenso gefürchtet wie das Karkadann. Für die Perser schien ein einzelnes Horn auf der Stirn eines Tieres als sicheres Zeichen zu gelten, dass dieses Tier ein Raubtier und ein unangenehmer Zeitgenosse sei.
Übrigens soll auch Alexander der König Makedoniens ein Wunderpferd mit einem einzelnen Horn auf der Stirn als Reittier gehabt haben.
Wie man also sehen kann, ist das Einhorn nicht nur so bekannt wie der Drache sondern anscheinend auch ebenso weit verbreitet.

Die meisten Geschichten von Einhörnern haben gemeinsam, dass diese Tiere als sehr wild und eben manchmal auch als gefährlich galten, doch bei den meisten Einhörnern gab es einen Trick um sie zu beruhigen oder gar zu fangen. Beim weißen Einhorn Europas waren es junge noch unberührte Mädchen und die „Schwäche“ des Karkadann aus Persien war der Gesang der Ringeltaube.

Das Horn des Einhorns (zumindest des bei uns bekannten) gilt als wundertätig und heilend. Es soll Wasser von jeglichem Gift reinigen können und nicht nur Wasser, sondern jegliche andere Flüssigkeit auch. Darum war das Einhorn ein begehrtes Jagdobjekt, sollte doch sein Horn zu einem Becher oder Kelch verarbeitet den daraus Trinkenden vor Gift in seinen Getränken schützen.
Vermutlich scheinen sich darum die alten Bilder und Gobelins nicht auf Darstellungen die Einhörnern friedlich in Wäldern zeigen zu konzentrieren, sondern wie man Jagd auf sie machte, sie in Ketten legte oder umbrachte um ihnen das kostbare Horn zu nehmen.
So haben Einhörner und Drachen neben ihrem Verbreitungs- und Bekanntheitsgrad eine weitere Gemeinsamkeit – beide wurden von Menschen gejagt. Auch sind beide in engem Kontakt mit den Kräften und Energien der Natur und beide sind nicht mehr auf der materiellen Ebene zu Hause, sonder haben sich auf die Astralebene bzw. in die Anderswelt zurück gezogen. Einhörner sind wie Drachen schwer zu finden bzw. zu erreichen, vielleicht sogar noch schwerer, da sie sich noch weiter in den Tiefen ihrer eigenen energetischen Welt befinden. Sie sind Wesen denen eine großer Macht zuteil ist, doch gehen sie mit dieser sanfter um als z. B. die Drachen. Ihre Zahl ist im Vergleich zu anderen Wesenheiten nur gering, doch dies wird durch extreme Langlebigkeit und eine starke Bindung innerhalb der gesamten Rasse ausgeglichen.

Auffällig ist, dass es zwar Engelmagie, Drachenmagie etc. gibt, aber keine sogenannte Einhornmagie. Woran kann dies liegen? Nun zum einen gibt es Wesenheiten, wie Engel, zu denen sich leicht ein Zugang erschließen läßt. Auch Drachen können trotz aller Zurückhaltung durch trotzige Sturheit, Hartnäckigkeit, Talent etc. erweicht und zur Zusammenarbeit bewegt werden. Anders die Einhörner, da sie nicht nur sehr zurückgezogen sind, sondern ihnen auch eine immens große Scheu zu eigen ist. Auch ist ihre Meinung von den Menschen nicht gerade die Beste. Und selbst wenn es gelänge den Kontakt herzustellen, was wolltest du damit anfangen? Welche Art von Magie glaubst du kann ein Einhorn dich lehren? Welche Macht dir zur Verfügung stellen? Schon mit dieser Einstellung an die Sache heran zu gehen, wird das Unternehmen unweigerlich scheitern lassen.